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Freitag, 14. Oktober 2005

Melbourne

So, also jetzt. Es geht los. Es ist Freitag, der 30. September 2005. In drei Stunden fährt der Zug. Es geht los. Mit eitrigen Hals, verquollenen Augen und einem interessanten Mix aus Frieren und Schwitzen geht es los. Schnell noch in den Aldi gesprungen und leckerli Salat und Wurst geholt. Denn wenn schon die Grippe den Körper daran hindern will, nach Melbourne zu fahren, dann müssen wir ihn halt mit den leckersten Sandwiches locken, die er je gegessen hat. Wie das geht, haben wir ja nun schon aus reichlich Präsentationen mit lecker Schnittchen gelernt. Und die sagen, da gehört auf jeden Fall viel Salat und noch mehr Wurst drauf. Und natürlich Dressing, ganz wichtig. Majo ist noch zu Hause – perfekt.
Also dann, ab nach Hause und losschmieren. Toast, Butter, Käse, Majo, Putenbrust, Eisbergsalat, Butter, Toast. Und weil das so viel Spass macht, das Ganze gleich sechs mal. Weil die Majo weder gut riecht noch gut schmeckt, gehen wir damit etwas sparsam um. Geduscht, gepackt, angezogen, losgerannt. Es ist 19 Uhr. Mit insgesamt vier Rucksäcken drücken wir uns in den Fahrstuhl. Im Spiegel sehen wir mächtig dämlich aus, mir tut jetzt schon der Rücken weh und wir kommen auf den cleveren Gedanken, dass wir auch gemeinsam einen Koffer hätten nehmen können. Da hätte dann sogar noch eine Wechselhose reingepasst.
Nun gut. Die Zeit drängt, wir versuchen nicht weiter darüber nachzudenken und seppeln los. Auf nach Central zum Hauptbahnhof. Der Inder in der neonorangenen Weste schickt uns mit den Worten „You have plenty of time“ zum Bahnsteig 1. Und da kommt er auch schon, der gute Countrylink. Bisschen alt, aber gut. Während er so langsam anhält, vermisse ich das ohrenbetäubende, nervenzereißende Bremsenquietschen der Deutschen Bahn. Auch von innen macht er gar nicht so einen schlechten Eindruck. Sitze wie im Flugzeug und etwa doppelt so viel Platz wie im ICE, also mehr als reichlich.


Kurz darauf geht es los. Mit einem heftigen Ruck und einem Knarren, also würde die Titanic sinken. Wir rollen aus dem Bahnhof, schön. Nach einer Stunde stelle ich fest, dass das Knarren wohl die ganze Fahrt anhalten wird.

Aber wir fahren...und fahren und fahren und fahren. Ich probiere mein erstes Sandwich. Lecker! Irgendwie riecht die Majonese wirklich komisch. Ich hätte mehr Wurst nehmen sollen. Nach drei Stunden geht das Licht aus und wir versuchen zu schlafen...und versuchen und versuchen und versuchen. Irgendwie ist es jetzt grad der viele Platz, der mich nicht einschlafen lässt. Ich möchte mich gern in meinen Sitz klemmen, aber ich rutsche ständig herraus. Oder sind es die zwei Trottel vor uns, die Angst im Dunkeln haben und deshalb mit eingeschalter Leselampe versuchen zu schlafen? Ich sehe mich um und bemerke, dass es im ganzen Zug dunkel ist, bis auf die zwei Lampen vor mir, die mir ins Gesicht scheinen. Meine runzlige Stirn kämpft gegen ein Lächeln. Die Stirn gewinnt.
Irgendwann merke ich, dass ich schlafe. Genau an dem Punkt, als ich aufwache. Ich bin müde, es ist dunkel, es ist irgendwann gegen um zwei und draussen aus dem Fenster zeichnet sich ein Hauch von Nichts ab. Ich folge dem Gedanken weiterzuschlafen. Als ich das nächste Mal aufwache ist es kurz nach halb acht und das Nichts vor dem Fenster sehe ich jetzt in Hell. Bäume, Sand, Wiese, mal eine Hütte und viele Rinder und Schafe säumen den Weg.


Irgendwann werden die Häuser größer und Melbourne beginnt. Und je höher die Häuser werden, desto mehr denke ich mir, ich bin in der Bronx gelandet und versuche einen Abstecher ins Elend zu machen. Ich überlege was es mehr gibt, besprühte Stellen oder Rost. Ich entscheide mich für mein zweites leckeres Sandwich. Der Geruch der Majonese hält sich wacker. Ich hätte mehr Wurst nehmen sollen. Oder besser die Majonese weglassen. Acht Stunden später werde ich mich dazu entscheiden, die restlichen vier Sandwiches wegzuwerfen.
Wir erreichen die vielen Hochhäuser aus Glas, die man schon aus der Ferne sehen konnte, sowie das beindruckende „Telstra Dome“ Stadion und schliesslich den Bahnhof. Dieser wird gerade umgebaut und empfängt uns mit vielen Gerüsten und einer Menge Dreck. Hallo Melbourne!


Wir schnappen uns unsere Rucksäcke und betreten die Stadt. Zum Glück hatten wir uns eine Karte besorgt und so entscheiden wir uns, die etwa drei Kilometer zu laufen, anstatt den falschen Bus zu nehmen. Es ist Samstag früh um neun. Die Stadt schläft und wir diskutieren darüber, welche der vielen Meinungen über Melbourne nun richtig ist: Ist es im Gegenzug zu Sydney eine stark europäisch geprägte Stadt oder sind in Australien alle Städte gleich. Wir können uns nicht richtig entscheiden aber erreichen unser Youth Hostel. Zum Glück bekommen wir jetzt schon die Schlüssel, eigentlich hatten wir erst ab 13 Uhr vorgebucht. Mit unserem Schlüssel bewaffnet fahren wir in den zweiten Stock und sind gespannt, mit welchen Jugendlichen wir unser 4-Bett-Zimmer teilen werden. Wir öffnen die Tür und vor uns kniet ein alter Mann – Alan, Rentner, 64.
Er ist auch grad angekommen und packt seine Sachen in den kleinen Schrank. Wir bewundern die zwei Doppelstockbetten in dem 6 qm Zimmer und unterhalten uns etwas mit ihm, ein netter Kerl. Er kommt aus Tasmanien und hat noch eine lange Reise vor sich. Zürst Melbourne, dann Indien, dann Europa.


Wir entscheiden erstmal etwas durch die Stadt zu laufen. Der erste Weg führt uns zu einem riesigen Markt, mit Unmengen Obst und Früchten, die ich noch nie gesehen hab. Es macht einen Eindruck wie in Spanien, viele verschiedene Farmer preisen ihre Früchte, Eier und Gewürze nach Marktschreiermanier an. Es ist preiswert, gut und voll. Wir kämpfen uns durch die Menschenmassen und gelangen in den hinteren Teil mit den Klamotten. Jetzt sind wir wohl bei den Tschechen. Überall hängen Jeans, T-Shirts und Plunder. Es ist zeitiger Mittag und der Hunger schiebt uns zum Chinesen. Ich entscheide mich für Reis mit Zitronen-Chicken. Als sie meint, dass ich bei dem von mir bestellten Essen drei Beilagen wählen kann, nehme ich noch Honig-Chicken und Schwein süß-sauer auf den Teller. „Sosse dazu?“ – „Sure!“.


Unser erster Kultur-Schock soll aus dem „Museum of Melbourne“ bestehen. Die lange Schlange am Eingang hält uns jedoch davon ab. Schuld daran ist eine berühmte Pharaonen Austellung. Ich kenne sie nicht, scheint wohl gut zu sein. Aber wir sind in Melbourne.


Wir laufen durch die Stadt und wollen etwas Interessantes sehen. Die Stadt mag ihrem Ruf, eine gute Stadt zum Einkaufen zu sein, gerecht zu werden. Wir wandern durch einige Einkaufszentren, kaufen nichts und entscheiden uns, am nächsten Tag eine Runde mit dem berühmten „Puffy-irgendwas“-Zug zu drehen, von dem uns Alan erzählt hat. Die nette Dame an der Touristeninformation, die sich plötzlich vor uns befindet, klärt uns auf, dass er „Puffing Billy Train“ heisst und Opa „Ich-rede-gern-mit-mir-selbst“ Rodenwald eine Etage tiefer druckt uns zuverlässig die Bahnverbindungen dahin aus. Wir beobachten noch etwas das indonesische Fest, dass sich gerade um die Ecke auf dem Federation Square befindet und fahren wieder zurück zu unserem Youth Hostel.


Ich bestelle eine Pizza und wir setzen uns etwas zu Alan, den wir unten im Aufenthaltsraum treffen und reden etwas über Computer, den Krieg und Umweltverschmutzung. 1,5 Stunden später verschwindet Alan an einen der vorhandenen Internetplätze um ein paar E-Mails zu schreiben und wir spielen eine Runde Billiard. Das Angebot einer 2,50 m großen Schottin und ihrer 2,50 m breiten Freundin, noch mit in einen Club zu kommen lehnen wir ab und gehen schlafen. Puffing Billy wartet auf uns.

Der Wecker klingelt um acht, Alan und der unbekannte Vierte sind schon weg, wir duschen und lassen uns das schlechte, dafür teure Frühstück schmecken. Der Zeitplan für die Bahnen aus der Touristeninformation war wirklich gut und so fanden wir ihn nach zwei Stunden relativ problemlos – den Puffing Billy.


Wir warteten etwas, aßen ein leckeres Eis und der Zug setzte sich in Bewegung. Und die Fahrt war wesentlich besser als gedacht. Die Leute hatten viel Spass, hingen ihre Beine aus dem Zug und jeder, aber auch wirklich jeder and dem wir vorbeipufften winkte uns zu. Mal zuckelten und mal rasten wir durch die Gegend. Hin- und Wieder schüttelte ich mir die Kohlestücken vom T-Shirt, die durch den Schornstein geblasen wurden. Aber es machte wirklich Spass. Die ganze Tour dauerte mit ein paar Pausen so um die drei Stunden.


Danach entschieden wir uns noch, nach St. Kilda in die berühmte Kneipenecke zu fahren und etwas trinken zu gehen. Da dort in der Nähe auch gleich der Strand war, besuchten wir ihn gleich mit. Leider dauerte die Rücktour in der Strassenbahn irgendwie 3,5 h und so war es schon dunkel, als wir den Strand erreichten. So gegen Neun schlenderten wir ein bisschen an den Bars vorbei und nahmen schließlich auch in einer Bar, an einem Tisch draußen auf der Straße Platz. Als wir uns so umsahen, stellte sich unsere Bar doch eher als ein Gourmetrestaurant heraus. Aber nun saßen wir und der Kellner sprang uns entgegen. Wir bestellten ein Bier. Er fragte „Welches?“, wir sagten „Keine Ahnung.“, er freute sich über die große Bestellung und meinte er bringe uns irgendeins. So saßen wir nun in Melbourne, tranken gemütlich unser Bier, ignorierten die genervten Blicke der Bedienungen und ließen es uns gut gehen. Gegen elf machten wir wieder los und wagten noch einen Abstecher ins Crown.

Das Crown, das größte Spielkasino außerhalb von Nordamerika. Nachdem uns nahegelegt wurde, unsere Rucksäcke am Eingang abzugeben betraten wir sie, diese ganz eigene Welt. Die Welt der deprimierten Gesichter und herunterhängenden Schultern. Aber es war schon interessant zuzusehen, wie die Leute ihr Geld verloren, wie sie sich freuten etwas zu gewinnen, um es dann doch wieder zu verspielen. Überrascht hat uns der geringe Einsatz. Beim Roulette konnte man, wie fast überall, bei 2,50 AUD$ einsteigen. Bei den einarmigen Banditen mit so wenig wie man wollte. Das Spielkasino war gigantisch. Es war bestimmt 200 m lang und in jeder Ecke waren einige der über 3000 Spielautomaten versteckt. Hinzu kamen vielleicht 50 Roulette und 50 Blackjack Tische plus jede Menge anderes Blitzendes und Blinkendes zum Geld ausgeben. Wir entschieden uns es nicht zu probieren und machten uns auf den Heimweg ins Bettchen.


Den nächsten Tag, Montag, mussten wir um 10 Uhr das Hostel verlassen. Wir duschten, nahmen noch ein mieses Frühstück zu uns, packten unsere Rucksäcke in einen Safe im Keller und machten uns nochmal auf den Weg ins „Museum of Melbourne“. Wir hatten ja Zeit, also stellen wir uns halt an. Dort angekommen stand jedoch niemand an der Kasse, die Austellung mit den Pharaonen war zu Ende. Naja, so nahmen wir uns ein Kombiticket mit dem angeschlossenen 3D Kino und sahen uns die reguläre Ausstellung an. Die umfasste alles Mögliche, die Aboriginies, Dinosaurier, den Menschen, eine Ausstellung über Australien und so einiges zum Spielen. War sehr interessant gemacht und der 3D Film war auch richtig Klasse. Während der erste Film, den wir in Sydney gesehen hatten, „Sharks“ (Haie), so eher mittellangweilig war, war der Film über die Internationale Raumstation wirklich gut gemacht. Ich dachte es wären mehr Computeranimationen, aber es waren tatsächlich Aufnahmen, gemacht von den Astronauten innerhalb und außerhalb der ISS. Ich empfehle ihn hiermit mal.


In dem Museum blieben wir recht lange, so 5 Stunden. Danach gingen wir nochmal ins Hostel, unsere Sachen holen, guckten noch die Simpsons und marschierten wieder gut bepackt zum Bahnhof. Die Rücktour war ähnlich spannend, aber pünktlich. Wir erreichten 6.55 Uhr Sydney, rannten auf unseren Bahnsteig nach North Sydney und wir waren erschreckenderweise genau zu dem Zeitpunkt wieder in der Wohnung, wie wir sonst aufstehen. Also Dusche, Frühstück, Arbeit. Knülle.